Welche Bedeutung hat der „Competence Divide“ für die Wissensvermittlung an Hochschulen?

Der Zugang zu neuen Medien und dem Internet hat eine immer größere Bedeutung für den freien Zugriff auf Informationen und Wissen erlangt. Nachdem sich dieser „Digital Divide“ – der sich ursprünglich hauptsächlich auf die monetären Zugangsbeschränkungen bezog – nun in vielen Bereichen immer weiter abschwächt, scheint sich der Fokus auf die Medienkompetenz der Nutzer zu verlagern. Die Kompetenzen, mit den neuen Medien umzugehen, bestimmen in weiten Teilen, wie schnell und umfassend der Einzelne heute Zugang zu Wissen und Lerninhalten erlangt.

Der Begriff des „Digital Divide“ – also der digitalen Spaltung oder Bildungskluft – hat am Anfang dieses Jahrtausends seine erste große Beachtung gefunden. Dieser Begriff beruht auf der sogenannten „Wissensklufthypothese“, die im Jahr 1970 von Philip J. Tichenor, George A. Donohue, und Clarice N. Olien an der Minnesota University entwickelt wurde, vor dem Hintergrund der immer stärker werdenden Herausbildung einer Wissensgesellschaft, in der der freie Zugang zu Wissen in weiten Teilen von den Nutzungsmöglichkeiten von Medien abhängig ist . Besonders durch die immer stärker werdende Verbreitung von Inhalten über das Internet und die neuen Medien, wurde diesen Medien ein Spaltungspotenzial zugeschrieben, zwischen denen, die diese Technologie zur Verfügung haben und denen, für die ein Zugang nicht möglich ist. Auch in der Hochschule wurde diese Frage im Bezug auf E-Learning immer wieder aufgeworfen. Hierbei ging es neben den anderen Fragen rund um E-Learning auch regelmäßig darum, ob E-Learning überhaupt Sinn mache, wenn doch nur wenige Studenten Zugriff darauf haben, oder ob die Anschaffungskosten für neue EDV-Infrastruktur nicht hoch sind.

Im Laufe der letzten Jahre hat sich diese Ausgangssituation an vielen Hochschulen geändert. Durch eine verstärkte Einführung von EDV-Infrastruktur wurden Beamer, Laptop oder das elektronische Vorlesungsverzeichnis immer mehr zur Normalität im Alltag eines Studierenden. Für größere Hochschulen, wie auch zum Beispiel die Universität Bielefeld, wurde es normal seinen Studierenden neue Dienstleistungen wie eigenen E-Mail-Postfächer, ein Lernmanagementsystem und frei zugängliche PC-Pools zur Verfügung zu stellen. Der Anteil von Studierenden mit eigenem Laptop/PC mit Internetzugang steigt stetig an. Somit scheint sich der „Digital Divide“ für den Raum Hochschule immer weiter zu schließen. Aber ist das wirklich so? Oder wird die digitale Spaltung nur durch eine neue Spaltung ersetzt?

Heute rückt oftmals die Medienkompetenz der Studierenden in den Vordergrund und bestimmt wie schnell und einfach sie Zugang zu den modernen Quellen des Wissens bekommen. Diejenigen für die ein Umgang mit den großen Internetsuchmaschinen ein Leichtes ist, die mit dem elektronischen Suchsystem der Bibliothek schnell und virtuos zurecht kommen und diejenigen, die aktuelle Informationen von der Homepage der Uni automatisiert abrufen können, haben oftmals einen großen Wissensvorsprung vor den Studierenden, die noch mühsam die Flure und Bibliotheken der Universität nach Informationen absuchen. Natürlich, werden einige Leser sagen, reicht es aber auch nicht „einfach mal zu googeln“ oder bei „Wikipedia“ vorbei zu schauen, um über ein Thema sachkundig informiert zu sein – und da stimme ich ihnen uneingeschränkt zu. Doch ist der Zugang zu aktuellen Informationen, Meinungen und auch die Partizipation an Themen (auch sie lesen grade einen Weblog, den sie mit Sicherheit nicht in der Bibliothek finden werden) über die neuen Medien ein ganz anderer, viel schnellerer Weg, als die alt hergebrachten Methoden der Wissensgenerierung.
Aus meine Erfahrungen mit E-Learning an der Universität Bielefeld möchte ich somit viel mehr die Frage des „Competence Divide“ in den Vordergrund rücken – also die Spaltung zwischen den jeweiligen Studierenden und Lehrenden, die eine Kompetenz im Umgang mit neuen Medien mitbringen und den Akteuren die diese Kompetenz erst erwerben müssen. Welche Bedeutung hat dies für die Wissensvermittlung an Hochschulen?

Folgt man dem humboldschen Bildungsideal haben Universitäten den Auftrag von „Forschung, Lehre und Bildung“. Bildung ist dabei eine Voraussetzung dafür, dass der einzelne am geistigen Leben und den Entscheidungsprozessen der Zeit durch einen hohen allgemeinen Stand von Wissen, Können, Urteilsfähigkeit und Verantwortlichkeit teilnehmen kann. Universitäre Bildung erschöpft sich nicht in Wissensvermittlung. Bildung soll ein Bild der Welt und aller ihrer Lebensbereiche vermitteln und in ein Weltbild münden, nicht aber in eine Weltanschauung. Doch für diese geforderte Bildung ist eine breite und fundierte Wissensbasis notwendig. Somit ist es aus meiner Sicht auch Aufgabe der Universitäten den Lernenden Wege und Mittel aufzuzeigen, um diese Wissensbasis aufbauen zu können. Dabei wird bei den Kompetenzen der Studienbeginner in der öffentlichen Diskussion häufig auf die schulische Vorbildung verwiesen und eine Erweiterung des Lehrangebots gefordert. Doch ist dieses -so richtig oder falsch diese Forderungen sein mögen- nur wenig hilfreich, wenn es darum geht die aktuelle Situation an den Hochschulen, und die Chancengleichheit der Studierenden zu ermöglichen. Einen Beitrag dazu könnte aber die verstärkte Vermittlung von medialen Kompetenzen leisten.

Auf der anderen Seite stellt sich die Frage ob die Universität der richtige Vermittler für diese Kompetenzen ist, oder ob Studierende nicht selber in der Pflicht sind sich diese Kompetenzen selbstständig und andernorts anzueignen, um die bereits stark verkürzten und komprimierten Inhalte der konsekutiven Studiengänge nicht noch weiter zu belasten. Ebenso wird es offensichtlich immer schwieriger sogenannte Softskills und nicht direkt fachlich bezogenen Kompetenzen an den Hochschulen zu vermitteln, da die Kapazitäten bei weitem nicht ausreichen. Oftmals sind die angebotenen Kurse zu Softskills- und Medienkompetenzen nur gering ausgelastet und scheinen oftmals nicht das Interesse der Studierenden zu treffen.

Doch ist das verwunderlich? Aus meiner Sicht wirkt sich der Druck von immer stärker verschulten Studiengängen und die Pflicht zum „Punktesammeln“ oftmals auf die Studentenströme an den einzelnen Fakultäten aus. Neben den Pflichtveranstaltungen bleibt nur noch wenig Zeit für das interessengeleitete Studium. Dabei werden Kurse in Hochschulrechenzentren oder Seminare zum Umgang mit neuen Medien oftmals nicht einmal mit Leistungspunkten honoriert und werden dadurch in hohem Maße unattraktiv. Die Bedeutung von neuen Medien als Zugangsweg zu Wissen und somit als ein Aspekt von Bildung, scheint dabei oftmals noch nicht im allgemeinen Hochschulbewußtsein angekommen zu sein. Aber in vielen Fällen sind die Möglichkeiten zur Förderung von Medienkompetenz an den Universitäten bereits vorhanden. Durch eine bessere Information der Studierenden in der Studieneingangsphase, eine Koordination der einzelnen Angebote und einer klar erkennbares Handeln im Bereich neue Medien könnte schön mit geringem Aufwand eine Besserung eintreten, und der Einsatz von neuen Medien für eine breitere Masse an Studieren zu einer Möglichkeit des Wissenserwerbs werden.

So ein breites Thema bietet natürlich eine Menge Platz zu Diskussion und zum Erfahrungsaustausch. Aus diesem Grund möchte ich Sie auch bitte die Kommentarfunktion zu nutzen. Wie sind ihre Erfahrungen mit dem Competenz-Divide? Begegnen Sie auch oft der Herausforderung von heterogenen E-Learning-Gruppen? Oder stehen noch ganz andere Herausforderungen bei Ihnen im Vordergrund? Wie begegnen sie Ihren Herausforderungen?

Literatur & Links