„Ein Bild lesen heißt, seine Bedeutung ermitteln.“(1)

Dieser Artikel fordert die Herausbildung einer Bildlesekompetenz. Die Forderung ist nicht neu, erlangt aber in Zeiten des Lernens mit dem Web 2.0 aus der Sicht des Autoren wieder eine besondere Aktualität.

Bilder zu sehen stellt ein sinnliches Vergnügen dar, welchem der Mensch schon immer nachkam. Bilder zu lesen und kompetent für sich nutzbar zu machen ist eine Erweiterung, ein Ressort, welches es noch in seiner Breite und Tiefe zu erschließen gilt. Durch eine solche Erschließung würde dem sinnlichen Vergnügen die Komponente von Wahrnehmungsbildung hinzugefügt. Um Bilder lesen zu können, bedarf es einiger zu entwickelnder Fähigkeiten und Aufmerksamkeiten. Der Schrift und Sprache ähnlich, aber nicht gleich, handelt es sich vielmehr um eine Art variierbarer Anleitung zur bewussteren Wahrnehmung, um den Hinseher und Zuschauer zum Durchschauer werden zu lassen. Dazu werden im Folgenden nun DOELKERs (2002) Arbeitshypothesen zum Bildumgang erläutert (die aus Sicht des Autoren besonders themenrelvant sind und gute Ansätze bilden) . Sie werden weniger beispielhaft, sondern eher global dargestellt. Dennoch ließe sich daraus ein auf die Einzelsituation anwendbarer Rahmen ableiten, der allerdings noch einer weiteren, spezifischeren und auf die Medienpädagogik hin ausgerichteten Ausarbeitung bedarf. Eine Bildinterpretation benötigt ein bestimmtes Wissen des Betrachters, welches sich aus mehreren erlernbaren Interpretationsebenen heraus ergibt. Diesen Umgang mit Bildern bezeichnet DOELKER (2002) als analytische Ebenen der „BildErschließung“ und der „Bildbeurteilung“. Aus ihnen ergeben sich, dass ein Bild nicht, wie POSTMAN (2003) und andere Kritiker es behaupten, „unhinterfragbare Wahrheiten“ abliefert. Mit den richtigen „Werkzeugen“ der Bilddeutung ergeben sich Potentiale, die sich sicherlich auf die eine oder andere Weise für den bildungspädagogischen Bereich einsetzen ließen.

Die Ebene der Bild-Erschließung
Um ein Bild in seiner Vollständigkeit zu erschließen, bedarf es dem Durchlaufen verschiedener Interpretationsphasen. In der ersten Phase muss immer die subjektive Bedeutung des Betrachtenden hinzugezogen werden (2). Diese setzt sich aus der bereits entwickelten Persönlichkeit des Wahrnehmenden und der jeweiligen Betrachtungssituation zusammen.(3) In dieser Phase der Bilderschließung ergeben
sich Assoziationen, die gegenüber dem Bild immer unmittelbar ausgelöst werden. Sie sollten für eine praktische, „objektive“ Bilddeutung nicht zurückgestellt werden. Ein solcher „subjektiver Auslauf“ ist nötig, um den Betrachter, so DOELKER (2002, S. 148), „für erweiterte und andere Bedeutungszusammenhänge offen“ zu halten. Die subjektive Bilddeutung liefert persönliche Anknüpfungspunkte zur eigenen entworfenen Wirklichkeit und fördert damit den „zweiten Blick.“ Der zweite Blick, beinhaltet die inhärente Bedeutung, als aufbauende Phase zur Bildinterpretation. Hierbei werden alle möglichen Bedeutungen und Sichtweisen,
unabhängig von der beabsichtigten Intention des Machers, herausgestellt.
Dazu gehören:

Die spontane Bedeutung des Bildes
Dem Betrachter kommt hierbei die Aufgabe zu abzuschätzen, ob Auffälligkeiten der Darstellung, wie wilde Bewegung, Gewalt oder beispielsweise Sexualität nur Mittel zur Erzielung von Aufmerksamkeit sind, oder ob diese auch inhaltliche Botschaften enthalten. Dazu bedarf es einem Kompetenzerwerb zur Beurteilung des „archaischen Codes“ von Mimik, Gestik und Körperhaltung.(4)


Die feste Bedeutung des Bildes

Eine bereits festgelegte Bedeutung des Bildes ergibt sich aus traditionellen Bedeutungsstrukturen, welche sich zumeist aus kulturhistorischen, religiösen oder mythischen Bezügen herausstellen. Um diese zu ermitteln bedarf es einer historisch rückgreifenden, „ikonographischen Recherche“(3). Die festgelegte Bedeutung des
Bildes lässt im Gegensatz zur spontanen Bedeutung nur wenige Interpretationsfreiheiten zu.


Die artikulierte Bedeutung des Bildes

Unter der artikulierten Bedeutung ist die lexikalische Beschreibung eines Bildes zu verstehen. Alle sichtbaren, unterschiedlichen Gegenstände und Konfigurationen werden aufgezählt bzw. inventarisiert. Deren gegenständliche Bedeutungen können anhand des sprachlichen Dudens oder Lexikons aufgearbeitet werden. Bildliche Konfigurationen hingegen müssten anhand von Formulierungen gegenüber Strukturen, Figuren und anderem erkannt und benannt werden. Das kann anhand von formaler Beschreibung (wie Einstellungsgröße, Licht, Blickwinkel, Brennweite usw.) visueller Grundformationen, Beschreibung des Bildaufbaus (nach logischen
Zusammenhängen wie Inhalt, Raum, Zeit, Form, Lesbarkeit, usw.) und nach weiteren Kriterien wie Modus, Stil und Tempus geschehen.(6)


Die latente Bedeutung des Bildes

Sie bezieht sich auf die artikulierten einzelnen Bedeutungen des Bildes und verweist auf mögliche kontextuale Botschaften, welche ein Bild durch die Mittel seiner Gestaltung in sich tragen kann. Die Summe seiner Teile ergibt hier ein Ganzes, dieses Ganze kann als Gesamtheit etwas anderes bedeuten als die einzelnen Teile vorher erahnen ließen.(7)

Die intertextuelle Bedeutung des Bildes
Hier steht die Beschäftigung mit dem Genre, dem ein Bild entspringt, im Mittelpunkt. So sind manche Bilder erst zu verstehen, kennt man das nicht Sichtbare. Eine schwarze Limousine ist beispielsweise ein genretypisches Element für politische Staatsbesuche.(8) Auch Parodien von Filmen oder Bildern können erst als solche erkannt werden, weiß man um ihren Ursprung. Wurde im Vorherigen ein „zweiter Blick“ auf ein Bild geworfen, welcher die möglichen Bedeutungen des Bildes selbst analysiert, folgt an dieser Stelle ein weiterer Blickwinkel aus dem ein Bild zu betrachten wäre, sollen alle Zusammenhänge kompetent erfahrbar gemacht werden. Dabei geht es um die durch den Bildmacher intendierten Bedeutungen eines Bildes. Sie sind dem fertigen Bild durch eine beabsichtigte Bedeutung vorgeschaltet. Diese sind nicht immer zu
ermitteln, dennoch sollen hier einmal alle mit einzubeziehenden Möglichkeiten Erwähnung finden.

Zur intendierten Bedeutung gehören:
Die deklarierte Bedeutung eines Bildes
Wenn vorhanden, geben bereits Titel und Legende eines Bildes Aufschluss über eine mögliche, beabsichtigte Aussage.

Die transtextuelle Bedeutung eines Bildes
Zu ermitteln ist hierbei der Zeitpunkt der Erstellung und die Lebensdaten des „Bildproduzenten“, um das visuell Fassbare in einen biographischen und zeitgeschichtlichen Hintergrund zu integrieren.

Die funktionale Bedeutung des Bildes Bilder nehmen immer eine gewisse Funktion ein. Sie können beispielsweise „Spurbilder“ sein, die versuchen ein Ereignis mit der Realität zu verknüpfen
(Fotografien, als ‚Abklatsch der Wirklichkeit’ werden diese Eigenschaften zugestanden) oder „Abbilder“ welche die Realität nachbilden (dies können beispielsweise detailgetreue Zeichnungen sein) um auf diese zu verweisen.

„Surrogatbilder“ wiederum verweisen nicht auf die Wirklichkeit, sie selbst werden zur Wirklichkeit. Dies fand bereits im Beispiel zur „Jagdmagie“ Erwähnung.(9) Zu den weiteren Funktionen, die Bilder einnehmen können gehören das „Schaubild“ mit erklärender Funktion, das „Phantasiebild“ mit einer erzählenden und unterhaltenden Funktion, „Pushbilder“ mit einem appellativen Charakter (z.B. Bilder der Werbung, die zum Kauf auffordern), „Füllbilder“ mit einer verbindenden Funktion usw.(10)


Die kontextuelle Bedeutung des Bildes

Eine kontextuelle Bedeutung ergibt sich, liegen mehrere Bilder eines Bildautoren zum Vergleich bereit. Aus einer solchen Serie lassen sich bereits oft Anhaltspunkte zur „richtigen“ Interpretation des Bildes ziehen.(11)

Die Ebene der Bildbeurteilung(12)
Nachdem ein Bild nun anhand seiner subjektiven und „objektiven“ Merkmale erschlossen wurde, bedarf es noch Kriterien der Bewertung seiner Qualität. Diese folgen den Fragen nach:
Gültigkeit: Ist aus dem Dargestellten die beabsichtigte Botschaft ableitbar? Handelt es sich beispielsweise bei der dargestellten Realität um eine „gültige“ Wiedergabe von Realität, bzw. um eine zutreffende Aussage?
Verständlichkeit: Kann die in das Bild hineingelegte Botschaft nachvollzogen werden? Ist sie visuell so formuliert, dass mit deren Gestaltung auf die Wahrnehmungsgewohnheiten der Zielgruppe Rücksicht genommen wird?
Stimmigkeit: Ist die visuelle Darstellung anhand bestimmter gestalterischer
„Kodierungsregeln“ (13) konzipiert?
Vertretbarkeit: Werden, was die Aspekte der Gültigkeit und der Ästhetik betrifft,
die jeweiligen „Bildleser“, oder andere Personen, eine Gruppe oder eine Institution ethisch angegriffen bzw. verletzt?

Diese zusammengefassten Umgangsregeln zur Bildbeurteilung stellen nur einen Ausschnitt aus den von DOELKER (2002) beschriebenen Deutungsmöglichkeiten dar. Das Ausbilden einer erweiterten Betrachtungsweise durch erlerntes Bildwissen führt, so DOELKERs (2002) Hypothese, zu einer Bildkompetenz, welche eine Erweiterung der individuellen Kommunikations- und Sprachfähigkeit mit sich bringt. Dabei geht es weniger um eine gelenkte Veränderung des Individuums, sondern vielmehr um kompetente Bildwahrnehmung durch die Schulung der eigenen Wahrnehmungsprozesse. Ein Ziel ist die Dekonditionierung des bisherigen
Blickes, um der „phylogenetischen Rangfolge“ der Informationsaufnahme kritik- und urteilsfähig begegnen zu können. Aus diesem Vorgang erwächst die Möglichkeit den fremdgesteuerten zum selbstgesteuerten Blick heranwachsen zu lassen. Erweiternd daraus könnten sich Fähigkeiten entwickeln, die über das kompetente
Rezipieren hinausgehen. Als Ergebnis stünde unter idealen Voraussetzungen nicht nur ein qualifizierter Bildleser sondern auch ein kontextkundiger Bildproduzent sowohl von äußeren, als auch von daraus ableitbaren inneren Bildern. Eine solche qualifikatorische Ausarbeitung zur Erweiterung der Medienkompetenz wäre, aufgrund des Ineinandergreifens der verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen, wie u.a. die der Psychologie, der Soziologie, der Sozialpädagogik, der Kunst- und Kommunikationswissenschaften, nach Ansicht des Autoren nur interdisziplinär möglich. (GAPSKI 2001) Erste pionierische Versuche zur Entwicklung einer synergetischen Zusammenarbeit entwickeln sich derzeit aber eher noch zaghaft.

(1) DOELKER 2002, S. 146
(2) vgl. Kapitel “Die aktive visuelle Wahrnehmung”
(3) vgl. dazu das geschilderte Beispiel: “Ein Kirschbaum steht in der Mittagssonne.”
(4) vgl. DOELKER 2002
(5) vgl. ebd.
(6) vgl. ausführlich ebd.
(7) vgl. dazu in einem ähnlichen Zusammenhang das Beispiel der “visuellen Agnosie”
(8) vgl. DOELKER 2002
(9) vgl. Kapitel 3.4.
(10) vgl. dazu ausführlich DOELKER 2002
(11) vgl. ebd.
(12) vgl. zum gesamten Kapitel ebd.

Literaturverzeichnis

DOELKER, CHRISTIAN 2002: Ein Bild ist mehr als ein Bild. Visuelle Kompetenz in der
Multi-Media Gesellschaft, 3. Auflage, Stuttgart: Klett-Cotta.

GAPSKI, HARALD 2001: Medienkompetenz. Eine Bestandsaufnahme und
Vorüberlegung zu einem systemtheoretischen Rahmenkonzept, Wiesbaden:
Westdeutscher.

POSTMAN, NEIL 2003: Das Verschwinden der Kindheit. 15. Auflage, Frankfurt am
Main: Fischer.