Vor einer Woche waren Dennis Schäffer und ich im Fernsehen zu sehen. Dennis erklärte in einem Einspieler die Funktion von Twitter und ich durfte in einem anschließenden Interview zu einigen Fragen Stellung nehmen. Am kommenden Mittwoch, 04.11. ca. um 8.00 Uhr morgens werde ich außerdem ein Interview dazu auf Radio Bielefeld geben.

Lokalzeit OWL – Was ist Twitter? from E-Learning 3D – Uni Bielefeld on Vimeo.

Diese medialen Ereignisse nehme ich zum Anlass, um das Thema Twitter, dem wir hier und hier bereits unsere Aufmerksamkeit geschenkt haben, noch einmal aufzunehmen und entlang der mit Redakteurin Marina Böddeker (danke für die gute Vorbereitung) entwickelten Fragen, auf den neuesten Stand zu bringen.

Wie funktioniert Twitter?

Twitter lässt sich mit einer SMS an alle vergleichen. Nicht der Verfasser bestimmt den Empfänger, sondern die Nutzer entscheiden, welche Nachrichten sie lesen. Twitter ist mittlerweile ein Synonym für das s.g. Microblogging geworden (wie Tempo für Taschentücher), doch gibt es noch zahlreiche andere Dienste. Microblog bezeichnet eine Plattform, in der sehr kurze Nachrichten (140 Zeichen) – bei Twitter Tweets genannt –  gesendet werden, in denen häufig auf bereits vorhandene Quellen verlinkt wird.

Twittern funktioniert per Webseite, Browser-Addon oder Mobiltelefon. Rund um Twitter gibt es zahllose Dienste, wie z.B. eine Anwendung, die Twitternutzer auf Google-Maps zeigt (twittermap), das Twittern in Bezug auf eine bestimmte Webseite ermöglicht (sumtn), oder alle Tweets zu einem Thema anbietet (twitterwall). Zwar ist Twitter nicht Open Source, hat aber eine freie Schnittstelle, die von vielen dieser Dienste verwendet wird.

Das Auffinden interessanter Tweets funktioniert auf zwei Wegen:

Erstens ist es möglich, Personen zu suchen von denen zu erwarten ist, dass sie Interessantes schreiben. Das funktioniert über den Reiter „Find People“ auf der persönlichen Twitterseite. Zweitens über die Suche nach Schlagwörtern. Viele Twitter-Nutzer verwenden s.g. Hashtags, was nichts mit einer rauschmittelhaltigen Pflanze zu tun hat. Das englische Wort „hash“ bedeuet Raute und „tag“ Schlagwort. Durch das Verwenden einer Raute vor einem Wort wird es von Twitter markiert. Alle Tweets, in denen das gleiche Schlagwort auftaucht, können gruppiert werden. Über Dienste wie Hootsuite ist es dann möglich, diesen „Schlagwortströmen“ zu folgen. Neben der twittereigenen Suche, gibt es auf Twitter spezialisierte Suchmaschinen wie Topsy, die jedoch aufgrund des Engagements von Microsoft und Google (s.u.) vom Aussterben bedroht sind.

Neuerdings ist es auch möglich,  Listen zu folgen, oder solche zu erstellen. In diesen Listen sind Nutzer zusammengefasst, die zu einem bestimmten Thema Twittern, wie z.B. Listen zum Thema eLearning (z.B. hier und hier).

Wo liegen die Vorteile?

Mit Twitter ist es möglich, interessante Nachrichten schnell und unkompliziert zu verbreiten, eine eigene Webseite ist nicht nötig. Twitter bietet Echtzeitkommunikation. Alles, was geschrieben und kommentiert wird, ist sofort online und sichtbar.

Deshalb haben Google (Suche) und Microsoft (bing) gerade Verträge mit Twitter über die Integration in ihre Suchmaschinen geschlossen. Neben den gewohnten Suchergebnissen werden nun auch Echtzeitergebnisse aus Twitter angezeigt. Das wird z.B. in der Weihnachtszeit spannend, wenn u.a. Fluggesellschaften letzte Preis- und Flugplan-Änderungen posten, oder Einzelhändler aktuelle Angebote publik machen. War Twitter bis vor kurzem noch eine Angelegenheit für Nerds, kommt es damit  aus der Nische.

So stehen die Zeichen nicht schlecht, dass Twitter den Absturz im Hypecycle, der nach der letzten Gartner-Studie kurz bevor steht, gut übersteht und sich ein langfristiger Nutzen ergibt. Das jedenfalls wünscht Second Life – selbst Hype erprobt – dem Microblogging Dienst.

Wer nutzt es?

Twitter hat mehr als 50 Millionen registrierte Nutzer. Es gibt ca. 220.000 deutschsprachige Accounts (August 09), und 1,8 Mio. deutsche Internet-Nutzer besuchten die Seite im Juni ’09.

Der Durchschnittsnutzer ist

„32 Jahre [alt], männlich (74%) und gebildet (78% haben Abitur). Zwei von drei betreiben einen eigenen Blog und schreiben über Technik, Web2.0-Themen oder Privates. Jeder zweite stammt aus der Medien- oder Marketingbranche und jeder Vierte ist Führungskraft oder Unternehmer/in. Und die meisten (83%) schreiben hauptsächlich auf deutsch (Pfeiffer 2009).

Preußler und Kerres kommen bei ihrer nicht repräsentativen Studie zu ganz ähnlichen Ergebnissen.

Wer folgt wem und warum?

Twitter findet seinen Einsatz z.B. in der Vernetzung von Menschen gleicher Berufsgruppen, als zusätzlicher Echtzeitkanal zu Diensten wie Facebook oder Xing, über den aktuelle Entwicklungen kommuniziert werden.

Durch solche Nutzung wird Twitter zu einem sozialen Netzwerk, da die unmittelbare Reaktion auf Nachrichten möglich ist. Das Prinzip des gegenseitig aufeinander Bezug Nehmens, das bei Blogs durch die Kommentarfunktion ermöglicht wird, heißt bei Twitter Re-Tweet (RT), z.B. „RT @amersch neuer Blogpost auf lernenzweinull“. Je mehr Retweets umso weiter verbreiten sich die Nachrichten eines Nutzers und umso mehr andere Nutzer verfolgen dessen Nachrichten und werden dadurch zu „Followern“.

Die Twitter-Nutzer mit den meisten Followern haben ca. 4 Mio. davon. Der Deutsche mit den meisten kommt auf über 60 tsd. Allerdings ist dabei auch zu berücksichtigen, wie vielen Menschen der jeweilige Nutzer selbst folgt, da viele Twitterer automatisch denen folgen, die auch ihnen folgen. Das Verhältnis von Followern zu „Gefolgten“ (oder Verfolgten?!) ist also nicht uninteressant. Folgt der Nutzer mit 66 tsd. Followern bspw. selbst 71 tsd, so gibt es auch Nutzer mit 2000 Followern, die selbst nur 1 folgen.  Es lässt sich darüber streiten, ob diese Zahlen überhaupt eine Aussage über die Qualität von Tweets zulassen.

Bei Twitter geht es aus meiner Sicht in erster Linie um die Bewertung von Links. Der Austausch interessanter und vor allem hochaktueller Informationen steht im Vordergrund. Die Frage „Was tust Du gerade?“, die Twitter auf seiner Seite stellt umschreibt nur zum Teil,was die Nutzer mitteilen. Bloße Zustandsbeschreibungen, wie „Trinke gerade Kaffee“ sind zwar zu lesen, aber weniger als Hauptaspekt, denn als schmückendes Beiwerk.

Im Marketing wird Twitter ebenso eingesetzt, wie zur Distribution von Bürgerinformationen. So nutzte z.B. die Feuerwehr in LA Twitter während der letzten  Waldbrände. Auch der Einsatz in der Hochschullehre wird derzeit an einigen Stellen gestestet (z.B. hier und hier). Hier kommen jedoch teils Dienste wie StatusNet zum Einsatz, die auf eigenen Serevern betrieben werden können. Auch zum Nutzen von Twitter auf wissenschaftlichen Tagungen gibt es Einschätzungen.

Führt Twitter zu einer Veränderung der Kommunikationskultur?

Twitter verstärkt aus meiner Sicht den Trend der im gesamten Web 2.0 zu beobachten ist. Der Nutzer wird zum Autor. Durch Twitter können Nutzer nun noch schneller und unmittelbarer Informationn verbreiten. Beispiele, wie die Notwasserung eines Airbus im Hudson River, oder die Diskussion um Twitter in Bezug auf die Berichterstattung über die iranischen Wahlen zeigen, das Twitter neben anderen Web 2.0 Tools, wie Blogs, zu einer Veränderung des Journalismus beiträgt. Durch die Einbindung in die Suche von Google und Microsoft werdenTwitterer mit vielen Followern in Zukunft ein ähnliches Gewicht bekommen, wie etablierte Verlage (bei Google News haben die Verlage durch den Source Rank einen Vertrauensvorschuss, in der Echtzeitsuche nicht).

Das hat natürlich nicht nur positive Effekte. So spielte Twitter eine Rolle bei der Enstehung von Gerüchten rund um den Amoklauf in Winnenden. Auch die Live Berichterstattung eines Amateurfunkers über eine Geiselnahme, zeigt die problematische Seite der neuen Echtzeit-Möglichkeiten.

Wo sind die Gefahren?

Die Gefahren bei der Nutzung von Twitter, sind keine dem Dienst eigenen, sondern Twitter ist eine zusätzliche Fläche auf der die Risiken des sozialen Web zu Tage treten.

Identitätsproblem: Wie auch in Foren oder anderen sozialen Netzwerken ist nicht klar, wer hinter einem Nutzerprofil steckt. Z.B. ist nicht überall, wo Johannes B. Kerner draufsteht, auch JBK drin.

Falschinformationen: Das Identitätsproblem bringt das möglicher Falschinformationen mit sich, wenn bspw. Nutzerkonten Prominenter gefälscht werden.

Auflösung der Privatssphäre: Wie für StudiVZ und Co. breit diskutiert, gilt auch und besonders für Twitter: Think before you post! Was einmal im Netz ist, ist drin, auch wenn man Tweets löschen kann, sind sie per Retweet evtl. schon weiterverbreitet. Das sind nützliche Informationen, z B. für Arbeitgeber oder Diebe, die den Tweet „Bin für 2 Wochen im Urlaub“ auf ihre ganz eigene Weise interpretieren könnten.

Wie kann den Gefahren begegnet werden?

Web 2.0 ist da, und es wird genutzt. Deshalb ist nicht nur, aber gerade für Kinder und Jugendkiche wichtig, eine Orientierung im Umgang mit medialen Formen zu erhalten. Ob wir dabei von Medien-, Informationkompetenz, oder Media Literacy sprechen ist vor allem eine akademische Frage. Dass deren Entwicklung für die Zukunft ohne Alternative ist,  ist keine.

Deshalb ist es wichtig das Phänomen Web 2.0 stärker als bisher zum Gegenstand von Erziehung , Aus- und Weiterbildung zu machen. Für Menschen, die Nutzer beim Umgang mit dem Netz unterstützen gilt: Schau hin! Die Ignoranz des Phänomens im Sinn von Blockierung (bspw. in Schulen) ist der falsche Weg. Für alles gibt es Anleitungen, Verhaltensmaßregeln und Führerscheine, aber das Web erschließen sich Jugendliche zum größten Teil selbst, das muss sich ändern (natürlich bin ich mir darüber im Klaren, dass es viele Initiativen gibt, die hier auf einem guten Weg sind, aber manchmal hilft es ja bekanntlich, etwas poientierter zu formulieren).

Außerdem ist es wichtig, sinnvolle Einsatzszenarien zu entwickeln, ohne die Phantasie bei der Nutzung zu stark einzuschränken. Twitter sollte, wie alle Werkzeuge – ob analog oder digital –  Mittel zum Zweck sein. Dem Hype der Nutzung um der Nutzung willen muss ein wirklicher Nutzen folgen. Twitter hat dasPotenzial dazu.