Von Dennis Schäffer und Jörg Heeren

Unter dem Oberthema „Älter werden mit dem Web 2.0“ fand am vergangenen Wochenende (2. bis 3. September) das zweite BarCamp OWL in Bielefeld statt. Als Veranstaltungsort wurde das ParkInn Hotel ausgewählt, in dem für die Veranstaltung unterschiedlichste Räume in verschiedenen Zuschnitten zu Verfügung standen. Obwohl das Gebäude von außen stark an den „Bielefelder Plattenbau“-Stil angelehnt war, machte das Gebäude von innen einen recht edlen Eindruck. Das Programm startet mit einem gemeinsamen Frühstück, bei dem belegte Brötchen und Getränke für die rund 60 erschienenen Gästen gereicht wurden.

Im üblichen Stil eines Barcamps wurde dann mit einer Vorstellungsrunde begonnen, bei der sich jeder kurz seinen Namen nannte und drei Schlagworte zu seinen Interessenbereichen kundtat. Über diese Art der Vorstellung kann man geteilter Meinung sein. Danach wurde das sogenannte „Grid“ erstellt – also der Tagesablauf, der die einzelnen Sessions und Workshops den Räumen zuteilte. Die Teilnehmer konnten sich dann frei den einzelnen Themen zuordnen und auch ganz nach Belieben zwischen den einzelnen Workshops hin und her wechseln. Dies alles entsprach den Bar- und EduCamps, auf denen wir bislang selbst zu Gast waren, und folgte somit dem üblichen Muster. Sehr sympathisch und informativ war Alexander Talmons in zahlreichen BarCamps weiterentwickelte Session zu Todsünden der Selbstständigkeit, und Mario Alexander Unger gab einen sachkundigen Einblick in die Möglichkeiten der Nutzung von Twitter durch Unternehmer, um hier nur zwei Beispiele für Sessions zu nennen.

Wir selbst habe in unserer Arbeit an der Universität und in ehrenamtlichen Tätigkeiten in den Vergangenheit schon einige mittlere und große Veranstaltungen und Konferenzen organisiert und durchgeführt. Von daher kennen wir die Schwierigkeiten und den Aufwand, den eine Veranstaltung wie ein BarCamp mit sich bringt. An dieser Stelle können wir auch nur unseren Dank an die Organisatoren aussprechen, da eine solche Initiative nicht selbstverständlich ist.

Organisation des Barcamp OWL

Insgesamt waren wir aber in einigen Punkten enttäuscht vom BarCamp OWL. Wir möchten einfach einmal ein paar Dinge aufzählen, die uns besonders ins Auge gefallen sind, und wollen diese als Hinweis für die kommende Veranstaltung 2011 verstanden wissen.

Während des BarCamps hatten wir immer wieder das Gefühl, dass viele Sachen in der Organisation nicht konsequent zu Ende gebracht worden sind. Wurde auf der Website noch darum gebeten, sich unbedingt anzumelden, da nur die ersten 80 Teilnehmer freie Kost garantiert wurde, so gab es vor Ort nicht einmal einen Abgleich der Teilnehmerliste, sondern nur eine Papierliste zum Selbsteintrag. Das offizielle Wiederekennungssymbol war ein schwarzer Kabelbinder aus dem Baumarkt. Auf der Community-Website sollte man seine Schlagworte für die Namenschilder angeben, ohne dass diese Vorbereitung später genutzt wurde: Es gab schlicht Namenschilder zum Selbst-Beschriften mit der Folge, dass die Namenszüge bei den meisten Gästen unsagbar klein und kaum lesbar ausfielen. Von der angekündigten Buchverlosung des Sponsors O’Reilly haben wir nichts mitbekommen, obwohl sie wohl dann doch irgendwo noch stattgefunden hat. Dies sind zwar nur marginale Details, die aber insgesamt ein unschönes Gefühl bei uns ausgelöst haben. Und wohl das absolute No-Go für ein Barcamp: kein frei verfügbarer Internetzugang. Auch wenn es vor Ort Probleme mit dem Hotel gegeben hat, ist dies ein extrem wichtiger Aspekt für das Gelingen einer solchen Veranstaltung. Leider war das Mobil-Netz für viele Teilnehmer auch nur marginal bis gar nicht zu nutzen, sodass wir uns persönlich schon frühzeitig gegen eine Begleitung der Veranstaltung mit neuen Medien entschlossen habe. Unsere vorbereiteten Sessions, die in der virtuellen Welt von Second Life stattfinden sollten, waren damit auch hinfällig, obwohl wir gerne etwas zu unserer Arbeit mit Studierenden ab 50 in virtuellen Umgebungen gezeigt und diskutiert hätten.

Mehr Möglichkeiten für Kommunikationsräume

Wir möchten aber nicht nur schildern, was uns persönlich nicht so gut gefallen hat, sondern möchten auch einige Vorschläge machen, wie aus unserer Sicht ein Barcamp noch besser gelingen kann.

Aus unserer Sicht ist der „freie Kommunikationsraum“ auf einem Barcamp ein wichtiger Aspekt für das Gelingen und für einen regen Austausch. Was wir mit „Kommunikationsraum“ meinen? Dies sollte vielleicht kurz erläutert werden.

Wir unterscheiden dabei die Phasen „Session“ und „Nicht-Session“, in die sich eine offene Veranstaltung wie ein Barcamp gliedert. Bei der Session geht es darum, dass es in der Regel einen Austausch zu einem vorher vereinbarten Thema gibt. Der Anbieter der Session ist, solange die Gruppe dies nicht übernimmt, in der Regel dafür verantwortlich, diesen Zeitraum zu gestalten. Die Phasen der „Nicht-Session“ sind alle Prozesse, die sich rund um das Rahmenprogramm entwickeln, sei es das Gespräch am Buffet, im Foyer, auf dem Parkplatz oder am Abend beim gemeinsamen Ausklang. Im Sinne des BarCamps ist es wichtig, den Teilnehmern in den beiden Kommunikationsräumen Session und Nicht-Session möglichst große Freiheitsgrade zu ermöglichen. Es scheint jedoch, als würde das Word „frei“ dabei oftmals unterschiedlich gedeutet. Wie am Wochenende haben wir oft den Eindruck, dass dieser Begriff im Sinne von „beliebig“ verstanden wird. Aus unserer Sicht sollten diese Kommunikationsräume nach dem Verständnis einer Ermöglichungsdidaktik (vgl. Arnold & Lermen 2003; Schüßler 2003) gestaltet werden, bei der es darum geht, den Anwesenden möglichst viele Angebote zu machen, um sie bei der freien Gestaltung ihres Kommunikationsraums zu unterstützen.

Die Nicht-Session

Um nicht zu theoretisch zu werden (das können wir gerne mal nachlegen, falls jemand Interesse hat), könnten wir uns zum Beispiel vorstellen, dass ein noch stärkeres Augenmerk auf entspanntes Ambiente für die „Nicht-Session“-Phase gelegt wird. Dabei würde ein gemütlicher, separater Raum mit Möbeln, der zum Verweilen und Plaudern einladen, oft schon helfen, damit man nicht in Hotel-Lobbys mit Puplikumsverkehr oder in Räumen mit fester Reihenbestuhlung ein Gespräch anfangen muss. Dabei ging zum Beispiel das EduCamp Hamburg 2010 mit sehr positivem Beispiel voran, das für solche Zwecke mit einem kleinen Café aufwartete. Darüber hinaus gibt es einige gute Methoden, um Menschen ins Gespräch zu bringen. Hier empfiehlt sich ein Rückgriff auf Moderationstechniken. Direkte Vorschläge und Kritik von Teilnehmern lassen sich mit einer Feedback-Wand einholen oder auf einer Twitterwall abbilden. Eine Pinnwand mit Steckbriefen zum Beispiel unterstützt das gegenseitige Kennenlernen und bietet einen Anlass zum Austausch.

Die Sessions

Auch in den Session könnte aus unserer Sicht noch einiges passieren, um für alle Teilnehmer ein besseres Erlebnis zu schaffen. Auch hier geht es wieder um Angebote, die angenommen oder verworfen werden können. Dabei denken wir an gewisse „Service-Sessions“, die fest angeboten werden. Sie können den Referenten der anderen Sessions Techniken an die Hand geben, ihre Teilnehmer bei deren Diskussionen so zu unterstützen, dass jeder Redewillige zu Wort kommt und nicht einzelne dominieren. Eine weitere Aufgabe solcher Sessions sollte es sein, Ideen zur Dokumentation von Redebeiträgen zur Verfügung zu stellen, so dass auch Außenstehende von den Sessions profitieren und Ergebnisse nachvollziehbar festgehalten werden können. Diese Service-Sessions erscheinen besonders sinnvoll zu Beginn eines BarCamps um Einsteigern einen guten Start zu ermöglichen. Außerdem dürften sich Wiederholungen an den Folgetagen lohnen. Gerade in Bielefeld ließen sich Helfer für solche Sessions leicht finden: An der Universität gibt es zahlreiche Experten für die ModerationsMethode, unter ihnen u.a. die Mitglieder des Vereins „Move – Moderationsverein Bielefeld„, der als gemeinnütziger Verein oftmals bei Bildungsveranstaltungen unterstützt.

Mit entsprechender Rückendeckung steigt die Chance, dass Ärgernisse vermieden werden, mit denen die Teilnehmer des BarCamps OWL konfrontiert waren. So fiel auf, dass wenige Meinungsmacher die einzelnen Sessions dominierten. Hier hatten die Sessions immer wieder den Charakter eines „Buzzword-Bingos“, als ob es darum ginge, mit populären Begriffen um sich zu werfen und persönliche Erfahrungen zu verallgemeinerbaren Befunden aufzubauschen. Ebenfalls bedauerlich: Das Thema „Älter werden mit dem Web 2.0“ kam zu kurz und war oft höchstens Nebensache. Auch wenn ein BarCamp auf den Input der Teilnehmer setzt – zumindest von den Organisatoren als Urheber des Titels wären einige solcher Sessions zu erwarten gewesen.

Dreht sich die Community um sich selber?

Mit Blick auf das Web 2.0 konstatiert SpOn-Autor Andreas Grieß, dass das Mitmach-Netz trotz steigender Nutzerzahlen noch nicht im Mainstream angekommen sei. Das Gleiche lässt sich für die BarCamp-Kultur feststellen. Speziell in Bielefeld hatte es den Anschein, als kämen viele alte Bekannte zu einem Happening zusammen. Teilnehmerin Nathalie Pelz vom O’Reilly-Verlag spricht von 40 Prozent Barcamp-Neulingen bei der Veranstaltung in Bielefeld. Offensive Pressearbeit im Vorfeld hätte womöglich geholfen, nicht nur diesen Prozentwert, sondern auch die Gesamtzahl der Teilnehmer zu steigern, welches aber auch noch einmal die Notwendigkeit für die Unterstützung von Einsteigern deutlich macht. Torsten Maue, der ebenfalls beim BarCamp OWL dabei war, regt an, dass Hochschulen Studenten „gezielt auf die Möglichkeiten von Barcamps hinweisen und sie zu einer Teilnahme animieren“ sollten. Das dürfte etwas zu knapp gegriffen sein: Vielmehr sollte man Lehrende und Studenten von Anfang an mit ins Boot holen und schon an der Organisation beteiligen, um ein breiteres Spektrum an Themen abzudecken und durch das Aufeinandertreffen von alteingesessenen BarCamp’lern und den Neulingen von den Hochschulen zu vielschichtigen Diskussionen und Ergebnissen zu gelangen. Und warum nur Hochschulen? Auch Parteien, Verbände und andere zivilgesellschaftliche Initiativen dürften neugierig auf die „Arbeitsform BarCamp“ als offenes und demokratisches Diskussionsforum sein. Denn aus unserer Sicht hat der Kommunikationsraum „Unkonferenz“ nur auf Dauer einen Mehrwert, wenn es darum geht, möglichst viele Sichtweisen der Teilnehmenden zu verschränken und auch diejenigen zum Austausch zu motivieren, die bis dato noch nicht an einem offenen Erfahrungsaustausch teilgenommen haben. Gerade durch den Weg in den sogenannten Mainstream, also der breiten Öffentlichkeit, haben viele Themen, die ansonsten nur in Expertenkreisen besprochen werden, eine Chance auf gesellschaftliches Verständnis oder sogar Teilhabe. Natürlich haben Spezial-Camps weiterhin ihre guten Gründe, wenn es darum geht, Expertise unabhängig von Hierarchien zu bündeln, doch sollte gerade bei einer Thematik wie dem Internet, die zur Kulturtechnik des aufsteigenden Jahrhunderts avanciert aus unserer Sicht eine möglichst breite Bevölkerungsschicht angesprochen werden.

Aus diesem Grund möchten wir auch denjenigen immer wieder unseren Dank ausdrücken die – unabhängig vom Ergebnis – wiederholt gewillt sind, offene Konferenzen zu organisieren und durchzuführen, und bei diesem Prozess auch immer selbst im hohen Maße einen Lern- und Veränderungsprozess zu durchleben. Und natürlich den vielen kleinen und großen Sponsoren, die immer wieder bereit sind, Unkonferenzen zu unterstützen, denn ohne ihre Mitwirkung wären diese für die Teilnehmenden kostenlosen Tagungen nicht möglich.

Wir hoffen hier einen weiteren Anstoss zur Diskussion geliefert zu haben und freuen uns schon auf ein persönliches Treffen auf einem der nächsten Camps, um diese oder andere Idee zu vertiefen.

Literatur:

Schüßler, I. (2003): Ermöglichungsdidaktik – eine didaktische Theorie. In: Arnold, R./Schüßler. I. (Hrsg.): Ermöglichungsdidaktik. Baltmannsweiler, S. 76–97

Arnold, Rolf; Lermen, Markus: Lernkulturwandel und Ermöglichungsdidaktik – Wandlungstendenzen in der Weiterbildung. In: QUEM-report-Heft „Weiterlernen – neu gedacht“ (Nr. 78). Berlin 2003, S. 23-33