Der Gedanke, assoziative Wissensspeicherung und –organisation in das Bildungswesen zu übertragen, ist nicht neu und wurde auf bildungstheoretischer Ebene bereits mehrfach diskutiert. Schon BUSH mit seinem Memex, aber auch NELSON hatten längst auf ein derartiges Einsatzfeld hingewiesen. (1) Einen breitflächigeren Zuspruch erhielt das Hypertextkonzept in den 90er Jahren (2), jedoch bis heute eher als Untersuchungsgegenstand, als unterstützend im oder zum praktischen Lehreinsatz. Hier sind nach wie vor linear organisierte Buchmedien anstatt von digitalen, miteinander verbundenen Wissenseinheiten das Mittel der Wahl. Nach HAEFNER (2002, S. 485) hat „das staatliche Bildungswesen Deutschlands [..] die gigantische […] Herausforderung der kommerziellen Informationstechnik bisher nicht zur Kenntnis genommen.“ (3) In Szenarien außerhalb der Präsenzlehre ist der Lerner längst dazu übergegangen, auch das Potential des World Wide Web für seinen selbstgesteuerten Lernprozess mit einzubeziehen, unter anderem deshalb weil es schnell, kostengünstig und komfortabel aktuelle und nicht nur schriftbasierte, sondern multimediale
Datenbestände liefert. (4)
Ein großer Nachteil in der Nutzung des WWW besteht jedoch darin, dass nur ca. fünf Prozent aller im Internet verfügbaren Informationen den Bereichen Bildung und Wissenschaft zuzuordnen sind. Der Rest hypertextuell verbreiteter Wissensbestände ist hauptsächlich kommerzieller Natur und demnach mit einer entsprechenden verkaufsfördernden Botschaft behaftet, so HAEFNER (2002, S. 486ff), oder genügt als non-kommerzielles Angebot nicht methodischen oder epidemiologischen Standards. Eine derartige Gewichtung verhindert sicherlich die wissenschaftliche Anerkennung von Daten die über das Internet distributiert werden. (5) Aus diesem Grund fordert HAEFNER (ebd.) das Bildungswesen auf, sich stärker für den Aufbau eigener multimedialer „Informationssysteme“ einzusetzen, um die im Internet angebotenen Daten richtungsweisend mitbestimmen zu können, und um sich weitestgehend gegenüber einer „kommerziell beherrschten Informationsgesellschaft“ konkurrenzfähig zu halten.
In den letzten Jahren hat sich bei der Einbeziehung digitaler Medien in die Lehre einiges getan. Fast jede Hochschule nutzt inzwischen E-Learningsysteme, um Lehrenden und Studierenden gleichermaßen den Vorteil digitaler Wissenspeicherung bieten zu können. Jedoch werden die Systeme zumeist nicht dafür genutzt Wissensbestände einer Universität, einer Fakultät oder wenigstens eines Studienganges mit einander zu verknüpfen, um sich gewinnbringend disziplinübergreifend einander anzunähern. Sie werden vielmehr dazu verwendet, veranstaltungsbezogene Inhalte verschiedener Fächer voneinander zu separieren.90 Sicherlich sind gesperrte und abgetrennte Bereiche für einige Einsatzszenarien sinnvoll und notwendig – z. B. zur Ablage urheberrechtlich geschützter Dokumente – aber eine Vernetzung von Lehrinhalten, wissenschaftlichen Erkenntnissen und Forschungsergebnissen, sowie der Aufbau eines gemeinschaftlichen digitalen Wissenspools – wie in analoger Form von Universitätsbibliotheken angeboten – bleiben somit weitestgehend ausgeschlossen.
Sicherlich liegt die Unterstützung eines solchen Unterfangens auch nicht im Fokus existierender E-Learningsysteme, aber generell ist das Nicht-Verknüpfen bereits existierender Datenbestände bedauerlich, denn Wissen ist eines der wenigen Ressourcen, die sich verdoppeln wenn man sie teilt.

(1) vgl. ISKE 2002, S. 73
ISKE, STEFAN 2002: Vernetztes Wissen. Hypertext-Strategien im Internet. Norbert
Meder (Hrsg.): Wissen und Bildung im Internet – Band 5, Bielefeld: Bertelsmann.

(2) vgl. KERRES 2001, S. 225
KERRES, MICHAEL 2001: Multimediale und telemediale Lernumgebungen. Konzeption
und Entwicklung. 2. Auflage, München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag GmbH.

(3) HAEFNER 2002 S. 485
HAEFNER, KLAUS 2002: Multimedia im 21. Jahrhundert – Konsequenzen für das
Bildungswesen. In: Ludwig J. Issing, Paul Klimsa: Information und Lernen.
Lehrbuch für Studium und Praxis, 3. vollständig überarbeitete Auflage.
Weinheim: Verlagsgruppe Beltz, Psychologische Verlags Union 2002.

(4) Erwähnenswert ist auch, dass der Computer im Verbund mit dem Internet im Jahr 2006 – laut aktueller JIM-Studie – den Fernseher zum ersten Mal als unentbehrlichstes Medium abgelöst hat. (siehe dazu FEIERABEND, KUTTEROFF 2007, S. 83ff)
FEIERABEND, SABINE; KUTTEROFF, ALBRECHT 2007: Medienumgang Jugendlicher in Deutschland. Ergebnisse der JIM-Studie 2006. In: Arbeitsgemeinschaft der ARD-Werbegesellschaften (Hrsg.): Media Perspektiven. Heft 2/2007
(S. 83 – 95); Frankfurt am Main 2007.

(5) So die Annahme des Autors.