Gastautor: Markus Deimann | FernUniversität in Hagen

Kürzlich habe ich auf der Konferenz des Open CourseWare (OCW) Konsortium in Cambridge, UK teilgenommen und möchte dies zum Anlass nehmen, das Thema „Innovation and Impact:  Openly Collaborating to Enhance Education“ etwas näher zu beleuchten. Bei OCW handelt es sich um ein non-profit Unternehmen, das sich zum Ziel gesetzt hat, allen Menschen unabhängig des sozialen, ökonomischen oder politischen Status freien und unbeschränkten Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Das Netzwerk umfasst mittlerweile ca. 21.000 Kurse mit Millionen Lernenden auf der ganzen Welt. Wirklich auf der ganzen Welt? Nein, leider gibt es im Herzen von Europa einen blinden Flecken. Deutschland, so sieht man schnell auf der unten stehende Karte, ist bisher noch nicht Mitglied in diesem illusteren Kreis.

Karte der Mitglieder des OCW-Konsortiums

Abbildung 1: Karte der Mitglieder des OCW-Konsortiums (entnommen aus http://cambridge2012.org)

Warum das so ist, darüber möchte ich hier einige Überlegungen anstellen. Zunächst ist wichtig, hervorzuheben, dass Open Education keine wirklich neue Erfindung ist, sondern eine Historie hat. In Deutschland ist sie bekannt geworden in Zusammenhang mit den Versuchen, die Bildungslandschaft zu reformieren. Dazu wurden in den 1960er und 1970er Jahren viele neue Universitäten gegründet, um dem wachsenden Ansturm an Studierenden Herr zu werden. 1974 kam es zur Gründung eines neuen Typus von Hochschule, denn die FernUniversität in Hagen, bot die Möglichkeit zum Studium aus der Ferne. Damit konnten nun auch solche Menschen studieren, die das bislang aus beruflichen oder privaten Gründen nicht konnten. Die Öffnung bestand darin, dass Studierende selbst bestimmen konnten, wann und wo sie lernen. Vorlesungen und Seminare fanden so nicht mehr im Hörsaal, sondern mittels moderner I-u-K-Technologien statt.

Auch im schulischen Bereich kam es zu Öffnungsbewegungen, die unter dem Label „Offene Curricula“ bekannt wurden. Angetrieben wurde diese Bewegung von der Kritik an einem als zu geschlossenen empfundenen Bildungs- und Erziehungssystem. Allerdings gab es kaum gemeinsame Vorstellungen über die Ziele und wie diese erreicht werden konnte. Schon früh provozierte diese Tatsache vielfältige Kritik. Am pointiertesten hat dies der Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen (1976) zusammengefasst. Er argumentiert vor dem Hintergrund einer genauen Analyse der Literatur, dass es sich bei „Offene Curriculum“ um ein Schlagwort bzw. Slogan handeln würde. Problematisch ist dies insofern, als dass dadurch keine logischen Schlüsse gezogen werden können. Es ist vielmehr eine Forderung, die man auch als Kampfparole formulieren kann: „Curricula sollen offen sein“. Wie aber genau diese Offenheit hergestellt werden kann, das wird dadurch nicht logisch herleitbar. Stattdessen ist es jedem selbst überlassen, zu interpretieren, was genau unter Offenheit zu verstehen ist. Dadurch wurde jedoch nicht der Begriff geschärft, sondern eher aufgeblasen und verwässert. Die gesamte Bewegung verschwand in Deutschland aus diesem und anderen Gründen dann auch relativ schnell wieder in der Bedeutungslosigkeit.

Zu Beginn des neuen Jahrtausends veröffentlichte das berühmte Masseschluss Institut of Technolgy eine Pressemitteilung mit gewaltiger Sprengkraft. Ab sofort werden alle (!)  Lernmaterialien allen Interessierten unbeschränkt und zum Teil kostenfrei zur Verfügung gestellt. Bildung, so die Botschaft dahinter, ist ein allgemeines Gut und durch die modernen Informationstechnologien kann es nun auch allen Menschen frei zugänglich gemacht werden. Dadurch entstand das oben bereits erwähnte Open CourseWare Netzwerk. Dem schlossen sich nicht nur Bildungseinrichtungen, sondern auch Verlage an, die nun insbesondere Zeitschriften digital frei zugänglich machten (Open Access Bewegung). Für WissenschaftlerInnen eröffnen sich dadurch bessere Möglichkeiten zur Steigerung der eigenen Reputation.

Neben diesen weit verbreiteten Offenheitskonzepten ist mittlerweile ein bunter Strauß hinzugekommen, wie beispielsweise während der Cambridge Konferenz in einem Vortrag deutlich wurde. Darunter war auch der „Open Professor“. Was dürfen wir uns wohl darunter vorstellen? Und um was geht es dabei eigentlich?

Prinzipiell betrachtet ist Offenheit wohl einer der wesentlichen Voraussetzungen für Lernen und Bildung. Denn ohne Offenheit kann ich mich nicht mit meiner Welt, so wie ich sie vorfinde, auseinandersetzen und stoße dabei nicht auf Dinge, die mich neugierig machen und mich zum Nachdenken anregen. In der Praxis ist dies jedoch etwas anders. Der Internetaktivist Eli Pariser prägt dazu den Ausdruck „Filter Bubble“ zur Beschreibung einer zunehmenden Personalisierung  marktbeherrschender Unternehmen wie Google und Facebook. Dadurch geht Anonymität verloren, wie sie noch zu Beginn der 1990er Jahre vorhanden war und in dem berühmten Cartoon des New Yorker „Im Internet weiß niemand, dass man ein Hund ist“ illustriert wurde. Dem hält Pariser (2012, S. 14) nun entgegen: „Das neue Internet weiß nicht nur, dass Sie ein Hund sind: Es kennt auch Ihre Hunderasse und will Ihnen eine Schüssel Premiumfutter verkaufen“. Information fließt dadurch nicht mehr frei, sondern wird entsprechend der vermeintlichen, d.h. der von den Algorithmen errechneten, Bedürfnisse geformt. Damit ändert sich fundamental, wie wir an Informationen und Ideen gelangen, was wiederum eine wichtige Grundlage für Lernprozesse ist. Wie sollte man damit umgehen? Zunächst ist wichtig, sich dieser im verborgenen ablaufenden Filterungsvorägnge genau bewusst zu werden. Man ist dann nicht mehr gleich irritiert, wenn auf Facebook auf einmal keine Links und Nachrichten von meinen Bekannten, d.h. Menschen, denen ich eigentlich nicht so nahe stehe, jedoch dennoch gerne wissen möchten, was in deren Leben so passiert, erscheinen. Facebook hat nämlich anhand meines ignoranten Verhaltens (ich habe die Links nicht geklickt und keine Kommentare dazu geschrieben) geschlussfolgert, dass ich kein Interesse an diesen Menschen mehr habe[1].

Es gibt mittlerweile zahlreiche Portale mit frei zugänglichen Materialien, mit am bekanntesten dürfte wohl iTunes U sein. Hier kann man sich frei umschauen, gerade auch abseits der eigentlichen Interessenschwerpunkte. Wenn ich dann auf etwas gestoßen bin, das mich zum Nachdenken anregt, kann ich meine Überlegungen wieder zurück an die Gemeinschaft geben, z.B. auf dem Portal Slideshare. Oder, falls ich gerade an einem Open Course wie dem opco12 teilnehme, kann ich darüber bloggen und twittern und erreiche damit viele Gleichgesinnte.

Das sind relativ pragmatische Wege, die Filter Bubble und die damit verbundenen Einschränkungen für Lern- und Bildungsprozesse zu umgehen. Darüber sollten wir weiter diskutieren und ich hoffe, mit diesem kleinen Beitrag einen Anstoß geliefert zu haben.


[1]     Mehr Informationen dazu auf der Webseite: http://www.thefilterbubble.com/

 

Literaturquellen

Lenzen, D. (1976). Offene Curricula – Leidensweg einer Fiktion. Lehrjahre in der Bildungsreform. Resignation oder Rekonstruktion? (S. 138–162). Stuttgart: Klett.

Pariser, E. (2012). Filter Bubble: Wie wir im Internet entmündigt werden. München: Hanser.