„Wenn ich meine Vorlesungen aufzeichne, dann kommen doch keine Studierenden mehr zum Präsenzunterricht.“ lauten einige Meinungen zur Bereitstellung so genannter eLectures. Nun ja, vielleicht stimmt das (obwohl die Ergebnisse vorliegender Studien dem eher widersprechen), aber vielleicht bedarf es auch einer zeitgemäßen Anpassung der eigenen Lehrmethodik.

Generell gilt: das Trägermedium Internet ist zu einem videobasierten Datenvermittler geworden. Hohe Bandbreiten, verbesserte Software und einfachere Produktionsmöglichkeiten lassen das Thema Aufzeichnung und Distribution audiovisueller Vorlesungsinhalte reinkarnieren. “Vorlesungen aus der Konserve” (1) werden zum angesagten (aber nicht ganz neuen) Trend an deutschen Hochschulen. Eine Vorreiterrolle übernimmt hier das amerikanische Bildungssystem, das mit digitalen Siebenmeilenstiefeln schon lange Vorlesungen, auch außerhalb des Campus – beispielsweise über iTunesU – für eine außeruniversitäre Öffentlichkeit bereitstellt. Deutsche Hochschulen sind in puncto Freigabe von Lehrinhalten noch eher zurückhaltend, dennoch wagen sich bereits einige wenige Hochschulen an das Thema heran (z. B. Ludwig-Maximilian Universität München, RWTH Aachen, Universität Freiburg, Universität und Fachhochschule Osnabrück). Wesentlich weiter verbreitet ist das Distribuieren von Lehre in 24fps innerhalb passwortgeschützter Bereiche, z.B. über Lernplattformen und/oder hauseigene Streamingserver.

“Die Psychologen tun´s. Die Philologen tun´s. Und die Theologen, die tun´s auch. Am allermeisten aber tun´s die Informatiker. […] Rund ein Fünftel der Uniprofessoren nutzt bereits Lecturnity”(2)

Es ist davon auszugehen, dass sich in einigen Jahren die meisten Hochschulen mit der Thematik auseinandersetzen. “Ein wesentlicher Treiber sind die Studierenden, die Vorlesungsaufzeichnungen als ergänzenden Studienservice schätzen und ihn bereits von ihren Hochschulen einfordern.” (3) Dies lässt sich ebenfalls vielfach an den Forderungen zur Verwendung von Studiengebühren ablesen. Hier rangiert der Vorschlag präsenzveranstaltungsbegleitende Vorlesungsaufzeichnungen bereitzustellen oft sehr weit oben in der Wunschliste.(4) Dies ergab auch eine Evaluation aus 2008 an der FH Bielefeld im FB Wirtschaft, bei der Vorlesungsaufzeichnungen ausdrücklich von Studierenden gewünscht werden. Hochschulen die bereits Online-Vorlesungen anbieten liefern ähnliche Evaluationsergebnisse wie z.B. die Uni/FH Osnabrück (5), die Leibniz Universität Hannover (5), die Uni Göttingen, (5) die Uni Stuttgart (6) und die TU Kaiserslautern (7).

Entscheidet sich eine Hochschule für den Weg der ergänzenden videobasierten Online-Lehre stehen mehrere zu nehmende Hürden an. Beispielhaft seien hier technische, wirtschaftliche, soziale und rechtliche beeinflussbare Herausforderungen genannt. Lassen sich wirtschaftliche und technische Fragestellungen recht leicht angehen, bzw. schnell zum Ergebnis bringen (da man sich hier an anderen Hochschulen orientieren kann) so stellt vor allem der der soziale aber auch rechtliche Part eine ernstzunehmende Aufgabe dar. Eine umfassende Aufklärung und Betreuung in Bezug auf den Inhaltsproduzenten ist hier unumgänglich.

So gilt es sich u.a. folgenden Bedenken und Fragestellungen seitens potentieller Produzenten anzunehmen:

  • Wenn ich meine Vorlesungen/Veranstaltungen auf Video aufnehme bleiben doch die Hörsäle leer.
  • Welchen zusätzlichen Nutzen habe ich von Vorlesungsaufzeichnungen?
  • Ist der Produktionsaufwand nicht viel zu hoch?
  • Muss ich jetzt für jede Vorlesung PowerPoint-Folien vorbereiten? Das verhindert doch das Vermitteln spontaner Vorlesungsinhalte.
  • Ich bin kein Schauspieler und möchte auch nicht, das meine Versprecher verewigt werden.
  • Führen Vorlesungsaufzeichnungen/eLectures nicht zu Verlust des Kontaktes zu dem Studierenden und zu schlechterer Atmosphäre bezüglich Konzentration, Lärm und Unpünktlichkeit im Präsenzunterricht?

Die meisten der vorangegangen Bedenken und Fragestellungen lassen sich bereits anhand von Anwenderstudien wiederlegen.(8) Der Rest ist sicherlich im Einzelfall zu klären.

Ebenfalls stehen den Contra-Punkten eine Menge an Pro-Aspekten gegenüber, die auch den Grundgedanken von Vorlesungsaufzeichnungen spiegeln. Nachfolgend seien nur einige genannt:

  • Hohe Teilnehmerzahlen verhindern oft das konzentrierte Mitverfolgen von Veranstaltungen. Eine Aufzeichnung relativiert dies, da nachgearbeitet werden kann.
  • Krankheit kann eine direkte Teilnahme an der Präsenzveranstaltung verhindern. Auch hier kann über die eLecture nachgearbeitet werden.
  • Online-Vorlesungen können zudem sehr gut zur Prüfungsvorbereitung genutzt werden, dadurch ist die Verbesserung von Prüfungsergebnissen möglich.
  • Die Rezeption von eLectures ist zeit- und ortsunabhängig
  • Es ergeben sich Vorteile für Gruppen mit heterogenem Vorwissen (Vorarbeiten/Nacharbeiten)
  • Ebenso ergeben sich Vorteile für ausländische Studierende durch Wiederholbarkeit des Vermittelten (eigenes Lerntempo).
  • Steigerung der Attraktivität der Hochschule/des Studienganges (und der Lernplattform).
  • Nicht verstandene oder zu schnell bearbeite Vorlesungssequenzen können noch einmal durchgearbeitet werden.
  • Verbesserung der Barrierefreiheit
  • Lehrende können durch das Analysieren ihrer multimedialen Aufzeichnung eigene Schwachpunkte entdecken und wichtige Elemente wie etwa die Körpersprache verbessern.
  • Weiterreichung der Inhalte (z.B. an andere Unis) möglich.
  • Ggfs. Bessere Präsenzvorbereitung, Transparenz und Vergleichbarkeit.
  • Breitere Möglichkeiten des Erhalts von Reputation für Lehrende.
  • Ressourcenverschwendung wenn gute Vorlesung (z.B. von Gastvorträgen) nicht mehr zur Verfügung stehen.
  • Videoaufzeichnungen haben den Vorteil, dass Entstehungsprozesse von z.B. Formeln mitprotokolliert werden. (Klarer Vorteil gegenüber Mitschrift.)

Da eLectures eine Menge Lehr/Lernszenarien abdecken können gilt es sich im Vorfeld Gedanken darüber zu machen, welche Situation ich abbilden möchte. Folgende Vortragweisen benötigen unterschiedliche technische Anforderungen.

Einfache Videoaufzeichnung/eLecture
Die einfache Videoaufzeichnung ist besonders für Vorlesungen geeignet. Aber auch größere Seminare oder Referatsvorträge lassen sich so abbilden. Vortragende erhalten die Möglichkeit die eigene Gestik und Mimik zu reflektieren. Wenn Videobilder unerwünscht sind, kann auch nur die Audiospur mitgeschnitten werden. Die Vorteile der Visualisierung gehen so natürlich verloren; dafür eignen sich audiobasierte Vorlesungsmitschnitte sehr gut für mobile Endgeräte.

PowerPoint-Vortrag
Um PowerPoint Vorträge und ein zeitgleiches Videobild des Vortragenden aufzuzeichnen gibt es inzwischen eine eine Vielzahl ausgereifter Softwareprodukte auf dem Markt. Der große Vorteil einer solchen Aufzeichnungslösung besteht darin, das der Nutzer die Möglichkeit hat, bestimmte Bereiche eines Vortrages direkt anhand der Folien anzuspringen, ohne die ganze Vorlesung durchschauen zu müssen. Folgende Softwareprodukte bieten hierfür meist automatisierte Lösungen an: Adobe Presenter (kommerziell), Echo 360° (ehemals apreso classroom – kommerziell), dLecture, virtPresenter (Open Source), webPresenter, Lecturnity (kommerziell), Lecture2Go (Eigenentwicklung der Uni Hamburg), Lecturio (kommerziell).

Enhanced eLecture
Enhanced eLectures folgen dem Prinzip eines videobasierten PowerPoint Vortrages, sind jedoch um Zusatzfunktionen angereichert. So lassen sich in der Postproduktion eines fertig gefilmten Vortrags bspw. noch Tests oder spezielle Seitennavigationselemente einbauen, die im Ergebnis etwas ähnliches wie ein WBT (web based training), mit der Möglichkeit zur Scorm-Strukturierung, ergeben. Eine solche Postproduktion ist z.B. mit Lecturnity möglich.

Screencapture Vortrag
Beim Screencapture Vortrag wird das Bild des Monitors (z.B. für Softwareschulungen) aufgezeichnet. Hierfür eignet sich bspw. das Programm Camtasia. Ein gleichzeitiger Mitschnitt eines Kamerabildes ist ebenfalls möglich.

Alle Szenarien lassen sich mit mobiler oder oder fest installierter Technik realisieren. Zur Umsetzung sind empfehlenwerter Weise mindestens eine Kamera (gehobener Qualität > keine Webcam!) mit Stativ, Funkmikrofone, zusätzliches Licht (z.B zur klassischen Dreipunktbeleuchtung) und ein Laptop (für die Aufzeichnungssoftware und zum Abspielen der PPT) notwendig.

Für eine erste grobe Strukturierung, sowie als Anhaltspunkte zur Einführung von eLectures an der eigenen Hochschule, eignen sich die von Zimmermann und Küchler (2008, S. 15ff) beschrieben 10 Schritte zum “Go live”:

Durchführung in 10 Schritten
Infrastruktinitialisierungsphase
1. Festlegung der Anforderungen
2. Software- und Hardwareauswahl sowie -beschaffung
3. Installation und Konfiguration des e-Lecture-Portals
Dozentenvorbereitung
4. Installation und Konfiguration des Aufzeichnungsrechners/Präsentationsrechners
5. „Trockenübungen“
6. Planung der durchzuführenden Aufzeichnungen (Aufzeichnungsplan)
Aufzeichnungsphase
7. Vorbereitung der Aufzeichnungs-Session
8. Durchführung der Aufzeichnung
9. Check und Nachbearbeitung
10. Veröffentlichung und Test

Fazit
Aus meiner Perspektive haben Studierende als “Kunden” des “Dienstleisters” Hochschule das Recht ergänzende veranstaltungsbegleitende Materialien zur Verfügung gestellt zu bekommen. Hier nehmen eLectures zukünftig einen nicht zu unterschätzenden Stellenwert ein. Bedenkt man vor allem die aus dem Bachelor resultierende notwendige Studiereffizienz, sind weitere Maßnahmen zur Inhaltsvermittlung – im Sinne der Studierenden – unbedingt notwendig.

Ergänzung
Unvollständige Liste von Hochschulen die serviceorientiert eLectures für Studierende bereitsstellen und somit zur Ergänzung ihrer Präsenzlehre beitragen:
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg | Berufsakademie Baden-Württemberg | Fachhochschule Osnabrück | FHTW Berlin | Georg-August-Universität Göttingen | HHL – Leipzig Graduate School of Management | Hochschule Bremerhaven | Hochschulen: Jakobs University Bremen (IUB) | Ludwig-Maximilians Universität München | Max-Planck-Institut f. Geistiges Eigentum, Wettbewerbs- und Steuerrecht | Max-Planck-Institut f. Plasmaphysik (München) | RWTH Aachen | Technische Universität München | Technische Universität Clausthal | Technische Universität Kaiserslautern | Technische Universität München | tele-akademie – Hochschule Furtwangen | Universität Leipzig | Universität Osnabrück | Universität Bremen | Universität des Saarlandes | Universität Hannover – Forschungszentrum L3S | Universität Karlsruhe (TH) | Universität Konstanz | Universität Magdeburg | Universität Mainz | Universität Münster | Universität Stuttgart.

Quellenangaben
(1) http://www.elan-niedersachsen.de/index.php?id=257 [Stand 20.04.2009]
(2) http://www.som.zhaw.ch/fileadmin/user_upload/management/znl/das_zentrum/pdf/ProfZumDownload.pdf [Stand 20.04.2009]
(3) Volker Zimmermann, Tilman Küchler 2008: Whitepaper – Vorlesungsaufzeichnungen an Hochschulen: http://www.im-c.de/de/produkte/slidestar/#anchormain [Stand 20.04.2009]
(4) vgl. z.B. http://www.google.de/url?sa=t&source=web&ct=res&cd=1&url=http%3A%2F%2Fwww.wiso.uni-hamburg.de%2Ffileadmin%2Feinrichtungen%2Felearning%2Flecture2go_Evaluation_2008sose.pdf&ei=NPyjSb_LCImM_gbcsvmUBQ&usg=AFQjCNGD88hEQe1mbc2h5nGSS52rlssuQQ&sig2=E_uThBhVGISP_mMrESAiDg [Stand 20.04.2009]
(5) http://video.tu-clausthal.de/elan/telekolloquium/tk14-19072006/tk14-19072006.html [Stand 24.02.2009]
(6) http://www.campus-online.uni-stuttgart.de/self-study/materialien/vorlesungsaufzeichnungen.pdf [Stand 20.04.2009]
(7) http://www.uni-kl.de/wcms/fileadmin/etsc/Evaluation.pdf [Stand 20.04.2009]
(8) siehe z.B. http://www.iwi.uni-hannover.de/cms/files/publikationen/2008-08/iwi_dp26_abstract.pdf [Stand 20.04.2009]